Posts mit Tag Erfahrungsberichte
22:08 - Fr., 30 Juli 2010
1 Anmerkung

Die meisten Verleger von Zeitungen und Zeitschriften haben ein Problem: Die Verkaufs- und Abonnementzahlen ihrer klassischen Print-Publikationen sind rückläufig, für Inhalte im Internet gegen Geld hat man aber auch noch keine nachhaltig funktionierende Strategie gefunden (und schiebt die Schuld lieber Google in die Schuhe) - die Suche nach dem heiligen Gral der digitalen Verwertung ist also noch nicht beendet.

In der Zwickmühle

Neben dem Kindle von Amazon und anderen dedizierten E-Book-Lesern eröffnet das iPad nun einen weiteren Markt: Gerade das farbige Display und die multimedialen Fähigkeiten machen es für Magazine interessant und stellen damit einen entscheidenden Vorteil gegenüber den E-Ink-basierten Geräten dar.

Soweit die Theorie, in der Praxis ergeben sich jedoch einige Schwierigkeiten, weshalb der große Durchbruch noch auf sich warten lässt. Da wäre einmal der Vertriebsweg: beim Verkauf über den App Store muß der Verlag 30% seines Kuchens abtreten - das ändert sich auch bei den sogenannten In-App-Käufen nicht. Insbesondere beim Abonnement-Geschäft möchten die Unternehmen das vermeiden und eine eigene Abrechnung vornehmen, eine Einigung mit Apple wurde bisher aber noch nicht erzielt.

Auf der anderen Seite steht die Herausforderung, die Inhalte passend aufzubereiten. Die landläufige Meinung ist, dass digitale Produkte weniger kosten müssen, als ihre analogen Gegenstücke - weil doch anscheinend die Herstellungskosten geringer sind und die Lieferkosten wegfallen. Dementsprechend schwierig ist es einem potentiellen Käufer zu vermitteln, warum er ähnliche Preise für eine App-Ausgabe wie für das bedruckte Papier am Kiosk bezahlen soll. Ein Blick in die App Store Bewertungen der betroffenen Apps offenbart: in Ermangelung der Kenntnis der genauen Zusammenhänge wird der Hersteller dabei oft als Übeltäter aus Profitgier wahrgenommen - vielleicht zu unrecht. Mögliche Lösung: einen Mehrwert der digitalen Editionen generieren - was jedoch unterschiedlich gut gelingt und u.U. mit erheblichen Produktionskosten verbunden ist.

Nationale Geografie aus Deutschland

Diese Woche erschien mit der iPad-Variante des National Geographic ein weiterer Mitspieler am deutschsprachigen Markt - da ich die Printausgabe gut kenne, erschien mir ein Vergleich interessant.

Für 3,99€ (gegenüber 5,00€ im Zeitschriftenhandel) erhält man das vollständige Juli-Heft. Damit habe ich zunächst einmal kein Problem - nach meinen Vorüberlegungen dürften Preise von 50% oder weniger des Ladenpreises unrealistisch sein (auf der anderen Seite: neue Titel und Formate werden im Handel zur Einführung oft mit erheblichen Rabatten promotet - warum nicht auch hier?). Den möglichen Vorteil einer Verfügbarkeit vor der gedruckten Ausgabe hat man diesmal verschenkt - was nicht heißen muss, dass das so bleibt.

Das Interface ist zwar minimalistisch, aber nach meinem Geschmack durchaus noch ausreichend: Seiten lassen sich wie gewohnt per Wischen umblättern und mit zwei Fingern zoomen, Miniaturansichten und ein Inhaltsverzeichnis können zur direkten Navigation einblendet werden, nach Drehung in den Landschafts-Modus des iPads wird eine Doppelseite dargestellt. Soweit so gut, doch damit endet leider auch schon die Liste der positiven Dinge.

Pixelfäule

Das Zoomen ist stufenlos möglich, wird aber ab einer relativ kleinen Vergrößung bereits blockiert - verpassen tut man dabei nichts (dazu gleich mehr). Im herangezoomten Zustand ist kein Blättern möglich, man muß zunächst in die 100%-Ansicht zurückkehren. Wenig benutzerfreundlich: Die letzte Leseposition wird beim Verlassen der Applikation nicht gespeichert - man startet bei jedem Aufruf wieder auf der Titelseite.

Der weitaus schlimmste Mangel ist jedoch die fehlende Qualität der integrierten Fotos: bei einigen sind bereits in der normalen Darstellung Komprimierungsartefakte in Form von Schlieren sichtbar. Die Zoomfunktion wird dadurch wertlos, dass sie keine zusätzlichen Details der Fotografien und Illustrationen zu Tage bringt, sondern nur gröbere Pixel. Bei einem Magazin, das u.a. für seine Bildberichterstattung weltberühmt ist, schmerzt dies umso mehr. Ironischerweise scheinen die ebenfalls enthaltenen Werbeseiten mit einer höheren Auflösung hinterlegt zu sein: die Bildschärfe sowie die Darstellung beim Vergrößern sind allgemein etwas besser.

Glorifizierter PDF Betrachter

Damit ist die Anwendung leider kein untypischer Vertreter ihrer Zunft: Als Ausgangsbasis diente offensichtlich ein PDF der fertigen Printausgabe. In punkto Navigation und Funktionsumfang wird nichts geboten, was ein generischer PDF Betrachter wie der Goodreader oder sogar iBooks nicht genauso gut oder besser machen würden. Doch selbst unter diesen Voraussetzungen wäre es sicher möglich gewesen, wenigstens das Bildmaterial in angemessener Qualität zu präsentieren.

Immerhin (oder leider) scheint sich der Herausgeber der Unzulänglichkeiten bewusst zu sein - so würde ich zumindest die Vorstellung auf der eigenen Website interpretieren:

“Für das Juli-Heft war es uns noch nicht möglich, alle unsere Ideen umzusetzen.” […] Dennoch: Mit einigen Änderungen in der Bedienung sowie kleineren Layoutanpassungen ist es uns gelungen, den Inhalt unseres Magazins in den Mittelpunkt zu stellen und NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND auf dem iPad gut erfahrbar zu machen.”

Letzteres kann ich leider nicht bestätigen. Ob man sich und dem gesamten Markt der E-Publikationen einen Dienst erweist, indem man solche uninspirierten Konzepte veröffentlicht und damit die existierenden Befürchtungen und Vorurteile schürt, wage ich zu bezweifeln.

Fazit

Der Sprung vom Papier auf den Touchscreen ist dem National Geographic Deutschland mit dieser ersten iPad-Ausgabe noch nicht geglückt: für diesen Preis wird einfach zu wenig geboten - bleibt zu hoffen, dass man bei zukünftigen Ausgaben schnell nachbessert. Wer sich bereits jetzt gelungenere Versuche ansehen möchte, dem seien z.B. die Apps der amerikanischen Magazine WIRED, Popular Science oder Popular Mechanics empfohlen.

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10:53 - Do., 29 Juli 2010

Gestern Abend habe ich das erste fiktionale Werk (Ilium von Dan Simmons) auf dem iPad zu Ende gelesen.

Zeitungen, Magazine und Sachbücher sind eine Sache und das iPad als elektronische Bibliothek für meine Fachliteratur war von Anfang an ein geplantes Einsatzgebiet*, aber was die Lektüre von Belletristik angeht war ich doch immer mehr als skeptisch (zumal ich Bücher wirklich liebe und keinen Laden ohne Kauf verlassen kann…).

Nach dieser ersten eigenen Erfahrung stelle ich nun fest: es ist OK. Im Urlaub am Strand würde ich aus praktischen Erwägungen immer noch die Papiervariante dem 600€-Reader vorziehen, aber meine Leidenschaft für die visuelle und haptische Qualität eines Taschenbuchs im Wert von 10€, dass nach einmaligem Lesen vermutlich nie wieder angefasst wird, hält sich dann doch in Grenzen (ich muss auch sagen: irgendwann gibt es auch einfach ein Platzproblem).

Books behind the bed by zimpenfish, on Flickr
Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic License  by  zimpenfish 

Eine Zwischenfrage die sich mir gerade noch stellt und auf die ich als Laie durch simples Nachdenken (keine gefällten Bäume: gut - elektronische Lesegeräte aus China: schlecht) keine klare Antwort finde: wie steht es eigentliche um den ökologischen Fußabdruck von Büchern versus ihren digitalen Ausgaben?

Gelesen habe ich meist in der U-Bahn oder im Bett (d.h. mein eigentliches Leseverhalten ist vom Medium unberührt geblieben), von zusätzlichen (Lesen im Bett macht mich ohnehin meist schläfrig…) Ermüdungserscheinungen aufgrund der Anzeigetechnik kann ich nicht berichten (Tipp für Kinder: Lesen unter der Bettdecke benötigt keine zusätzliche Taschenlampe, ist aber auch lange nicht so romantisch…).

Amüsanter Nachteil der elektronischen Version: bereits vorgestern Abend dachte ich, ich wäre kurz vor Ende des Buchs und müsste “nur noch schnell die letzten Seiten” lesen. Leider stellte sich dann heraus, dass ich mich im Lesewahn bei den Seitenzahlen vertan und noch weitere 100 Seiten vor mir hatte - das wäre mir mit dem Taschenbuch nicht passiert.

Fazit

Papierlose Romane? Hin und wieder ja, z.B. auch für frei erhältliche Ebooks wie die Werke von Cory Doctorow - aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen irgendwann keine Bücher mehr zu kaufen.

* Zu den anderen Textformen werde ich noch weitere Erfahrungsberichte schreiben.

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