- 14:10 - Di., 31 Aug. 2010
- 1 Anmerkung
Fünf Fragen an… Dr. Klaus Ceynowa
Bibliotheken sind heutzutage viel mehr als Büchersammlungen, sie sind Innovationszentren für digitale Informationstechnologie und –dienste.

Zu den wichtigsten gehört die Bayerische Staatsbibliothek in München, deren stellvertretender Generaldirektor Dr. Klaus Ceynowa seit 2005 ist. 2007 hat er federführend den Vertrag mit Google zur Digitalisierung des gesamten urheberrechtsfreien Bestandes der Bibliothek, insgesamt mehr als 1 Million Bücher, verhandelt. Klaus Ceynowa hat zahlreiche Aktivitäten im Umfeld digitaler Informationsservices der Bayerischen Staatsbibliothek initiiert, u.a. den weltweit ersten Einsatz von Scanrobotik zur Buchdigitalisierung und die technische Aufbereitung von Digitalisaten zu virtuellen 3D-Objekten. Er ist ebenfalls verantwortlich für die Veröffentlichung der kostenlosen App Famous Book — Treasures of the Bavarian State Library.
PADOLOGISCH: Herr Dr. Ceynowa, beruht Famous Books auf einer Idee, die nur auf ein passendes Medium gewartet hat oder haben erst die Fähigkeiten des iPad sie dazu inspiriert? Hätten Sie die Anwendung auch nur für das iPhone veröffentlicht?
Dr. Klaus Ceynowa: In der Tat haben die mit der App Famous Books präsentierten Werke im iPad das ideale Medium gefunden. Mit mehr als 92.000 Handschriften, 20.000 Inkunabeln und 140.000 Drucken des 16. Jahrhunderts zählt die Bayerische Staatsbibliothek zu den international bedeutendsten Bibliotheken auf dem Feld des schriftlichen Kulturerbes der Menschheit. Seit vielen Jahren digitalisieren wir zusehends größere Teile dieser einzigartigen Bestände, um sie weltweit kostenfrei über das Internet verfügbar zu machen. Hierbei ist uns grundsätzlich jeder „Kanal“ und jedes Medium willkommen, dass uns eine neue Chance eröffnet, diesen Content in der digitalen Welt sichtbar werden zu lassen. Hierzu zählen zum einen Portale wie etwa Europeana oder die World Digital Library, aber natürlich auch neue Endgeräte wie das iPad. Mit seinem hochauflösenden, farbbrillanten Display ist das iPad wie geschaffen für die Wiedergabe prachtvoll illuminierter, digitaler Buchkunstwerke – eBooks aus dem Mittelalter, wenn Sie so wollen. Sie sehen das sofort, wenn Sie sich etwa das Evangeliar aus dem Bamberger Dom, das zum UNESCO Memory of the World zählt, auf dem iPad durchblättern. Als Hybrid-App ist Famous Books auch auf dem iPhone verfügbar, und insbesondere das Retina-Display des iPhone 4 bietet hier eine einzigartige Präsentation der in der App verfügbaren Werke.
PADOLOGISCH: Tablet-PC, eBook-Reader, “consumption device” — nichts neues eigentlich. Was macht Ihrer Meinung nach den Erfolg des iPad aus? Was war für Sie ausschlaggebend gerade auf dieser Plattform ein solches Projekt zu starten?
Dr. Klaus Ceynowa: Der Erfolg des iPads liegt wohl vor allem in der extrem nutzerfreundlichen Usability, wodurch es auch für breite Zielgruppen jenseits der im engeren Sinne „technikaffinen“ Klientel interessant wird. Hinzu kommt natürlich der globale Verbreitungsgrad und die immense Popularität von iTunes und App-Store, die für uns der ausschlaggebende Grund waren, Famous Books gerade auf dieser Plattform anzubieten. Hier haben Sie eine echte Chance, wirklich webscale sichtbar und genutzt zu werden. Die Tatsache, dass wir in der Kategorie „Bücher“ auch sieben Wochen nach dem Launch unserer App noch unter den ersten 10 der beliebtesten Gratis-Apps stehen, zeigt, dass diese Entscheidung richtig war.
PADOLOGISCH:In wie weit ist Famous Books nicht nur ein technologisches Experiment, sondern auch der Versuch neue Zielgruppen für vergessenes Kulturgut zu begeistern?
Dr. Klaus Ceynowa: Glücklicherweise kann man nicht von „vergessenem Kulturgut“ sprechen. Die einzigartigen Handschriften, Inkunabeln und Drucke unseres Bestandes werden weltweit für Ausstellungen ebenso wie für wissenschaftliche Editions- und Forschungsvorhaben nachgefragt. Schon aus konservatorischen Gründen können aber in einer Ausstellung im Regelfall nur zwei Seiten aus einem Werk, dass u.U. viele Hundert kunstvoll gestaltete Seiten hat, in einer Vitrine zur Schau gestellt werden. Für unsere absoluten Spitzenstücke bietet die App nun die Möglichkeit, die Digitalisate dieser Werke von der ersten bis zur letzten Seite zu betrachten. Das können Sie zwar auch über unsere Website und diverse Internetportale, aber nirgendwo so schön wie auf dem iPad. Und genau das ist auch unser Ziel mit der App: das kulturinteressierte Segment der iPad- und iPhone-User für die Schätze der Bayerischen Staatsbibliothek zu begeistern.
PADOLOGISCH: Wie geht es Ihnen persönlich: Sind Sie hin und her gerissen zwischen der Qualität und der Haptik eines liebevoll gestalteten, gedruckten Buches und der recht nüchternen, aber funktionalen Zugänglichkeit einer digitalen Veröffentlichung?
Dr. Klaus Ceynowa: Auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben werden: Bibliothekare haben zumeist ein ziemlich prosaisches Verhältnis zum Medium „Buch“. Wir sind Informationsdienstleister und keine Bibliophilen. Das Buch ist für uns ein Informationsträger neben vielen anderen, wobei das breite Spektrum der elektronischen Informationsmedien derzeit organisatorisch, logistisch und finanziell eindeutig die größeren Herausforderungen stellt. Die Präferenz für ein bestimmtes Medium hängt also ganz vom jeweiligen Nutzungsszenario ab. Nehmen sie ein Beispiel aus dem privaten Bereich: Für die Strandlektüre ist das iPad vielleicht nicht das beste Gerät — Sandkörner und sonnencremefettige Hände bekommen ihm nicht so gut. Aber als eBook-Reader für zum Beispiel eine 800seitige Biographie ist es eine echte Alternative zur bleischweren Printversion.
PADOLOGISCH: Hat das iPad auch jenseits des beruflichen Interesses einen Platz in Ihrem Leben eingenommen?
Dr. Klaus Ceynowa: Ja, und zwar einen zusehends größeren Platz: Web-Browsing und die Bearbeitung von E-Mails erledige ich immer dann, wenn ich nicht gerade am Schreibtisch sitze, fast nur noch mit dem iPad. Überhaupt ist das iPad ein sozial außerordentlich kompatibles Gerät. Es gibt beruflich — z.B. ein Kleingruppen-Meeting — wie auch privat eine ganze Reihe von Situationen, wo es einfach unpassend oder direkt unhöflich ist, sein Laptop aufzuklappen und drauflos zu tippen. Da ist das iPad ein wesentlich dezenteres und diskreteres Gerät, dass weit weniger invasiv daherkommt.
Home Screen
“Meine aktuelle Lieblingsapp ist das Zeichnen- und Mal-Programm Brushes, dass ich schon auf dem iPhone sehr geliebt habe und das jetzt ganz aktuell auch als iPad-Edition verfügbar ist. Mit dem großen iPad-Display macht es natürlich noch viel mehr Spaß. Die Versuchung, Brushes während eines langweiligen Vortrages oder einer textüberfrachteten Präsentation aufzurufen, ist mit dem iPad besonders groß – siehe Frage 5!”
Lesen Sie dazu auch die Besprechung der App Famous Books.
Notes
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von binarymentalist als Favorit markiert
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von padologisch gepostet
